Baby schreien lassen: Folgen für das Baby

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Es gibt wohl kein größeres Streitthema in der Familie als: “Soll man das Baby schreien lassen oder nicht?” Befürworter und Kritiker haben gute Argumente für ein für und wieder. Doch welche Folgen hat es für den Säugling, wenn man ihn schreien lässt.

Das Baby schreien lassen?

An der australischen Flinders University kommen Forscher in einer Studie zu dem Ergebnis, dass sich der Cortisol-Spiegel der Babys, die in der Nacht schreien oder weinen und nach der FerberMethode ins Bettchen gebracht wurden, nicht erhöht ist. Nach der Ferber-Methode legen Eltern ihren Nachwuchs müde, aber wach ins Bett, sagen “Gute Nacht” und verlassen dann den Raum. Sie schließen daraus, dass Schreien und weinen dem Baby nicht schadet. Getestet wurden dreiundvierzig Säuglingen in drei Gruppen. Reichen dreiundvierzig Babys aus, um das Schreien lassen zu verharmlosen?

Auch das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist sehr umstritten, obwohl seit 1998 mehr als eine Million Mal verkauft. Es verspricht, dass durch ein verhaltensbiologisches Programm ruhige Nächte für Kind und Eltern garantiert sind. Die Rezensionen zu diesem Buch zeigen die Zwiespältigkeit: „Das Beste, was mir passieren konnte“, sagen die einen, als „grausam, gefährlich, überholt“ bezeichnen es andere.

Können nun also Eltern ihr Baby schreien lassen, ohne Spätfolgen zu riskieren. Der Kinderarzt und Autor (“Schlaf gut Baby”) Herbert Renz-Polster hält die Studie für ein Desaster. Die Studie sei viel zu klein, um gelten zu können und zweitens hätten die Forscher völlig ignoriert, dass die Tagebucheinträge und Aktivitätsmessungen nicht zusammenpassen. Erschwerend komme noch hinzu, dass sich auch bei den Kindern in der Kontrollgruppe die Wachzeit in der Nacht reduziert hätte.

Die Ursache liege also nicht im Schlafprogramm nach Ferber. In der Studie wurden nur Kinder untersucht, die bereits Schlafprobleme hatten. Deshalb kann ein Rückschluss durch den Cortisol-Spiegel nicht gezogen werden, da diese Kinder vielleicht auch schon vor der Studie chronische Stresserfahrungen durch anderer Schlaftrainings erlebt haben dürften. Das wurde jedoch nicht hinterfragt.

Der Kinderarzt Renz-Polster hält Schlafprogramme für schädlich. Er begründet es wie folgt: „Wäre ein Kind in der langen Menschheitsgeschichte allein und ohne Protest unter einem Baum eingeschlafen, hätte es den nächsten Morgen nicht erlebt. Die direkte Nähe der Bezugspersonen war absolut lebenserhaltend.

Durch kontrolliertes Weinen lernt das Kind aber, dass es sich in der Not nicht auf den Schutz der Eltern verlassen kann.“ Auch der Gynäkologe Michael Abou-Dakn (St. Joseph Krankenhaus Berlin) sagt, dass die Nähe der Eltern beim Einschlafritual ein wesentlicher Garant für die spätere Bindungssicherheit ist.

Das Reagieren auf kindliche Bedürfnisse ist der richtige Weg zur Selbstständigkeit.

Das Reagieren auf kindliche Bedürfnisse ist der richtige Weg zur Selbstständigkeit. (#01)

Kommen Eltern an ihre Grenzen, benötigen sie Hilfe. Ansonsten kommt es aufgrund des Schlafdefizits zu

  • Stress
  • Angst
  • Depressionen
  • und die Gefahr der Misshandlung des Babys steigt.

Es steigt aber auch die Gefahr, dass anstelle einer sicheren Bindung eine ambivalente Bindung entsteht. Ferber selbst hat seine Methode als Notfallmaßnahme gesehen und nur für Kinder ab dem ersten Geburtstag empfohlen. Es sollte keine Methode sein für Eltern, die Angst davor haben ihr Baby zu sehr zu verwöhnen und sie deshalb schon ab dem vierten oder sechsten Monat zum Durchschlafen zwingen wollen. Das Reagieren auf kindliche Bedürfnisse ist der richtige Weg zur Selbstständigkeit.

Was passiert in der Babyentwicklung?

Eltern sollten auf ihr Bauchgefühl hören und keine Experimente durchführen. Wenn der Säugling schreit, hat er ein Bedürfnis und braucht seine Eltern als Bindungs- und Bezugsperson.

Babys brauchen:

  • Wärme,
  • Körperkontakt,
  • Zuwendung,
  • Nähe,
  • Sicherheit
  • und Geborgenheit.

Babys können in diesen Punkten nicht zu sehr verwöhnt werden. Säuglinge können nicht für die eigenen Bedürfnisse sorgen. Deshalb müssen sie die Eltern dazu anregen, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Als Kommunikationsmittel stehen ihnen zur Verfügung:

  • das Gesicht verziehen
  • gähnen
  • strampeln
  • Saugbewegungen
  • schmatzen
  • räkeln
  • das Hin-und-her-Drehen des Kopfes.

So zeigen sie ihre Bedürfnisse an. Werden diese Signale nicht wahrgenommen, schreien sie. Über dem Bettchen angebrachte Videokameras bestätigen, dass Babys ihre Bedürfnisse ca. 30 Minuten vor dem Schreien ankündigen. Sie schreien also erst, wenn alle anderen Mittel bereits versagt haben.

Der Grund dafür ist, das Schreien Stress und Energieverbrauch bedeutet. Das gilt es zu vermeiden, denn die Energie wird für das Wachstum des Babys gebraucht. Schreien Säuglinge, so sind sie also in Not. Sie können Hunger oder Schmerzen haben, die Windel ist voll, sie haben Angst oder fühlen sich allein gelassen. Für ein Baby geht es dabei um das Überleben.

Die körperlichen Reaktionen sind eindeutig:

1. der Stresshormonspiegel steigt
2. das Nervensystem wird gereizt
3. die Durchblutung steigt.

Ein Baby, welches eine solche Erfahrung machen muss, ohne das ihm geholfen wird, macht eine Stresserfahrung, die abgespeichert wird. Es reagiert überempfindlich auf negative Umweltreize. Das erklärt auch, warum ein Säugling, welchens man schreien lässt, nicht weniger, sondern mehr schreit als ein Baby, welches verlässlich getröstet wurde. Gegen lebensbedrohliche Situationen kann ein Kind nicht abgehärtet werden.

Wird das Weinen konsequent über einen längeren Zeitraum ignoriert, gibt das Baby das Weinen auf. In diesem Fall setzt bei einem kleinen Kind die sogenannte Schutzstarre ein. Hört es auf, zu schreien, hat es noch lange nicht gelernt, sich selbst zu trösten, sondern es hat die Erfahrung gemacht, dass sein Schreien ohne Wirkung bleibt, obwohl es in Not ist. Der Säugling hat gelernt, was Ohnmacht bedeutet. Er schläft vor Erschöpfung ein. Doch es ist kein guter Schlaf, denn es nimmt den Stress mit in den Schlaf.

Ein Baby weint also nicht aus Spaß oder um uns zu ärgern. Dazu ist es noch gar nicht in der Lage. Es kann auch nicht manipulieren. Kein Baby wird ohne Grund schreien. Nicht immer ist es ein körperliches Bedürfnis wie Hunger, Durst oder eine volle Windel, welches hinter dem Schreien steckt, es kann auch ein emotionales Bedürfnis sein, wie Nähe und Geborgenheit.

Der Säugling gelernt, was Ohnmacht bedeutet.

Der Säugling gelernt, was Ohnmacht bedeutet. (#02)

Wie häufig kann ein Baby schreien?

Im Durchschnitt weinen Säuglinge in Deutschland:

1.-2. Monat 2 Std. / Tag
ab dem 3. Monat 1 Std. / Tag

 

Babys die eng bei der Mutter leben weinen vergleichsweise wenig.

Was tun, um das Baby zu beruhigen?

Viel Nähe hilft, damit das Baby erst gar nicht schreien muss. Es beginnt schon bei den Eltern. Geht es den Eltern gut, haben sie Unterstützung und stehen mit beiden Beinen im Leben, sind sie empathischer, haben eine dickere Haut und ausreichend Kraft. So finden Nachwuchs und Eltern besser zusammen und sind entspannter.

Doch auch Eltern sind oft in Not oder haben Stress. Das Leben mit einem kleinen Erdenbürger ist ohne Weinen nicht zu packen. Eltern können nur versuchen ihr Baby so gut als möglich zu versorgen und aus Fehlern zu lernen. Natürlich sollte man sich Unterstützung suchen und auch aus dem Lernen was funktioniert. So lernen Eltern die Strategien, die bei ihrem Nachwuchs funktionieren.

Es gibt nicht die eine Methode, sondern:

  • Herumtragen
  • miteinander reden
  • mehr Hautkontakt
  • dem Partner seine Sorgen erzählen dürfen o.ä..

Eltern sollten immer auf ihre Intuition hören.

Video: Wenn dein Baby durchschlafen neu lernen muss

Folgen für das Baby

Schreit ein Baby, wird im Gehirn vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Je länger der Säugling schreit, umso höher wird der Cortisolspiegel, bis er in den toxischen Bereich kommt.

Lange Schreien lassen:

  • beeinträchtigt die Entwicklung des Gehirns
  • verursacht Angststörungen
  • verursacht stressbedingte Erkrankungen
  • begünstigt Depressionen
  • aktiviert die Schmerzschaltkreise im Gehirn, sodass das Baby Schmerzen hat
  • verursacht seelische Schmerzen
  • verursacht eventuell Traumata

Babys können sich noch nicht selbst beruhigen. Dafür brauchen sie Nähe, Trost und Mitgefühl. Dann wird Oxytocin ausgeschüttet, welches dabei hilft das Cortisol abzubauen. Bleibt es allein und weint, wird das Cortisol nicht abgebaut und das Baby lernt nicht, mit negativen Gefühlen umzugehen. Das sind dann später die Kinder, die sich bei der kleinsten Kleinigkeit aufregen und empören.

Kann das Baby schreien lassen krank machen?

Auf Stresssituationen reagiert der Körper des Babys mit dem Ausschütten von Adrenalin. In weiterer Folge erhöht sich der Blutdruck, der Herzschlag beschleunigt sich und die Muskulatur wird stärker durchblutet. Auf das im Bettchen liegende Baby wirkt sich das negativ aus, denn das Immunsystem wird geschwächt und das Risiko krank zu werden erhöht sich.

Für eine gesunde seelische und körperliche Babyentwicklung ist es wichtig, auf das Schreien des Kindes zu reagieren. Das Baby schreien lassen sollte nicht das Mittel der Wahl sein.


Bildnachweis: ©Shutterstock – Titelbild: Jjustas – #01: Antonio Guillem – #02: 06photo

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Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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